Erfahrungsbericht: Martin Elwert

Dez 31, 2009
Markus Duram

Ankunft in Addis Abeba und erste Eindrücke
Nach einer ca. 14-stündigen Reise mit Zwischenstopp in Kairo landen wir, Philomena, Tilman, Moritz und ich gegen 5 Uhr morgens mit der Maschine der Egypt Air auf dem Flughafen von Addis Abeba. Müde, aber voller Spannung auf das was vor uns liegt, werden wir von einem Fahrer unserer Partnerorganisation in Empfang genommen, der uns durch die langsam erwachenden Straßen von Addis in unser Zuhause der nächsten Wochen fährt. Zur morgendlichen Aktivität in den Straßen gesellt sich ein eigenartiger allgegenwärtiger Geruch nach verbranntem Eukalyptus, der über der Stadt liegt und zu unserem ständigen Begleiter werden sollte. Die Straßen füllen sich langsam, und wir sehen zum ersten Mal das Land, die Stadt und die Menschen, über die wir in den Wochen zuvor viel gelesen hatten. Bis auf Moritz war jedoch keiner der Gruppe je zuvor in Äthiopien. Wir alle haben bereits andere Länder Afrikas und anderer Kontinente bereist, dennoch sind wir von der Armut und dem Straßenbild von Addis Abeba überrascht. Niemals zuvor sah ich so viele abgemagerte, lediglich dürftig gekleidete Menschen. Es wird uns schnell bewusst, dass wir in einem der ärmsten Länder der Welt angekommen sind. Mit diesem ersten Eindruck, einer Mischung aus Schock, Faszination für die neue Stadt und Spannung auf die bevorstehenden Aufgaben erreichen wir das Gästehaus unserer Partnerorganisation im Nordwesten von Addis Abeba und fallen müde in unsere Betten.

Wir vier hatten uns in den Wochen vor unserer Abreise in Wien eingefunden, kennengelernt und zusammen intensiv unseren mehrwöchigen Aufenthalt in Äthiopien vorbereitet. Wir wussten, dass sehr wichtige Aufgaben vor uns liegen. Nachdem der Bau der Schule kurz zuvor fertig gestellt worden war, würde es an uns liegen, den Bau vor Ort final abzunehmen und die Inneneinrichtung der Schule zu besorgen. Zudem soll ein Programmkoordinator sowie drei weitere Lehrer ausgewählt und die örtlichen Waisenhäuser besucht werden, um Waisenmädchen über die Ausbildung zur professionellen Geschäftssekretärin zu informieren. Diese Meilensteine zu erreichen ist äußerst wichtig, um den bisher mehr als zweijährigen Weg von PROJECT-E bis hin zur Eröffnung der Schule erfolgreich abzuschließen und die Aufnahme des Schulbetriebs vorzubereiten. In Anbetracht der knappen Zeit von ca. 6 Wochen eine anspruchsvolle Aufgabe, die es für uns zu meistern gilt.

Die Arbeit
Direkt nach unserer Ankunft beginnen wir mit den geplanten Aufgaben und nehmen uns vor, uns eng an den in Wien entworfenen Zeitplan zu halten. Unser Ziel ist es, trotz der vielen Arbeit, am Ende unseres Aufenthaltes ein paar Tage frei zu nehmen, um noch etwas in Äthiopien reisen zu können. Um möglichst effizient zu arbeiten, teilen wir die Gruppe in 2er-Teams, die einen zuständig für die Fertigstellung und Ausstattung der Schule, die anderen für die Auswahl der Lehrer. Die Roadshow in die Waisenhäuser soll parallel dazu von beiden Teams gemacht werden. Auch wenn wir im Nachhinein alle Aufgaben erledigt haben werden, stellt sich die Idee eng nach unserem Zeitplan zu arbeiten, schnell als optimistisch heraus. Die gewissenhafte Planung weicht im Laufe der Zeit mehr und mehr einem flexiblen ad-hoc Management, maßgeblich bestimmt von äußeren Einflüssen und lokalem Geschäftsgebaren. So treffen unsere europäischen Erwartungen auf starre Prozesse und bürokratische Strukturen, die wir trotz intensiver Versuche, nur bedingt nachvollziehen können (siehe Exkurs unten). Dennoch, den Mut verlieren wir nicht, denn schließlich ist das ein wesentlicher Teil unseres Abenteuers. Und niemand hatte erwartet, dass es einfach wird, die bevorstehenden Aufgaben zu bewältigen. Zudem sind es genau diese Erfahrungen, die unsere Reise zu einer einzigartigen Erfahrung machen sollten.

Exkurs: Einkauf der Möbel
Um den Unterschied zwischen unserer Erwartung und der Realität vor Ort etwas zu verdeutlichen, soll folgendes Beispiel klarmachen, wie der für uns „einfach“ gedachte Kauf der Möbel für die Schule uns vor sehr unerwartete Probleme stellte… Nach Fertigstellung der Einkaufsliste für die Möbel (Tische, Stühle, etc.) zogen wir los. Mit dem Jeep, den wir uns glücklicherweise von einem befreundten Arzt ausleihen konnten, beginnen wir die uns empfohlenen Möbelhäuser und Schreiner in Addis Abeba aufzusuchen. Bei allen Anbietern verhandeln wir die Preise für passende Tische, Stühle, Schließfächer, etc. und erfassen diese genau, um am Ende das für uns beste Angebot ermitteln zu können. Nach etwa einer Woche und zahlreichen Stunden im Auto war es soweit. Wir hatten eine komplette Liste zusammengestellt und konnten die besten Angebote auswählen. Als nächstes wollten wir zusammen mit einem Helfer unserer Partnerorganisation losziehen, um die Möbel zu bestellen und die Lieferung zu planen. Wir legten ihm also unsere Liste vor, erläuterten ihm kurz die Vorteile der einzelnen Angebote und waren voller Tatendrang, die verhandelten und ausgesuchten Möbel zu bestellen. Doch unserem Aktivismus entgegen, offenbarten sich Hürden, die uns zu schaffen machen sollten. Denn um der Korruption bei spendengestützen Organisationen entgegen zu wirken, gibt es in Äthiopien besondere staatliche Vorgaben für den Einkauf. Wenn diese mißachtet werden, sind Schwierigkeiten mit den Behörden zu befürchten. So müssen für jedes Produkt drei unabhängige versiegelte Angebote, sogenannte „Pro Forma“ eingeholt werden. Diese müssen von drei Personen der kaufenden Organisation als versiegelt bestätigt werden, bevor man die Umschläge gleichzeitig öffnet. Aus diesen Angeboten muss man dann das günstigste Angebot auswählen. Alle Ausnahmen müssen durch ein Einkaufskomitee der Organisation unter Angabe von Gründen abgesegnet werden.

Für uns hieß das, noch einmal zu allen Anbietern zu gehen und drei Angebote für jedes gewünschte Möbelstück (z.B. den gleichen Tisch) einzuholen, was sich als langwierig und schwierig erwies. Nach weiteren vier Tagen hatten wir fast alle versiegelten „Pro Forma“ zusammen und konnten die günstigsten Angebote auswählen. Bis heute ist uns nicht ganz klar, wie dadurch die Korruption effektiv vermieden werden kann, dennoch beugten wir uns dem Prozess. Irritiert von den Abläufen, aber glücklich über unsere Anschaffungen, konnten wir uns neuen Aufgaben zuwenden und das Gelernte geschickt für weitere Käufe (z.B. von Computern) nutzen.

Parallel zum Einkauf der Innenaustattung war die andere Hälfte des Teams damit beschäftigt, in Kooperation mit einer Personalvermittlung passende Lehrer auszuwählen, Interviews vorzubereiten und potenzielle Kandidaten einzuladen. Fachliche Unterstützung hierfür bekamen wir wenige Wochen später durch Anne, Lehrerin für Englisch und Geschichte. Anne stellte die fachliche Eignung der Bewerber durch eigens vorbereitete Englischtests auf die Probe und beschäftigte sich mit der Ausgestaltung der Lehrpläne. Somit wuchs unser dynamisches Team auf stolze fünf Personen an.

Das Leben in Addis Abeba
Außer Arbeit gab es natürlich auch die Möglichkeit, das Leben in Addis Abeba zu entdecken. Nach ersten Ausflügen in die Stadt hatten wir besonderes Glück, eine aufgeschlossene und interessante Gruppe von äthiopischen Architektinnen und Architekten kennen zu lernen, die uns nicht nur fachliche Ratschläge geben konnten, sondern fortan auch durch regelmäßige Einladungen zu Abendessen und kleineren Ausflügen in Addis Abeba zu geschätzten Freunden wurden. Sie zeigten uns bislang verborgene Ecken der Stadt und gaben uns die Möglichkeit, viel über das lokale Leben, die Politik und die Einstellung von Menschen in unserem Alter zu lernen. So verging die Zeit in den ersten Wochen in Addis Abeba sehr schnell, und plötzlich waren nur noch wenige Tage übrig. Doch dank harter Arbeit konnten wir es uns zu Ende unseres Aufenthaltes leisten, doch noch ein paar Tage in den Norden zu fahren. Auch wenn wir innerhalb von vier Tagen mehr als 1.500 km zurücklegten, werden auch diese Tage unvergesslich bleiben. Wir durchquerten das wunderschöne Hochland Äthiopiens, fuhren auf abenteuerlichen Serpentinenstraßen mit unzähligen Autowracks am Wegesrand, machten eine Bootstour zu den Inselklöstern im Tanasee und zur Mündung des blauen Nils, grillten zusammen mit unseren Führern ein Lamm und bewunderten die Ruinen von Fasilidas in der Stadt Gondar ganz im Norden. Diese Eindrücke wurden begleitet von den vielen freundlichen Menschen, die uns überall mit offenen Armen empfingen und uns so fern der Heimat einen unvergesslichen Aufenthalt in Äthiopien bereiteten.

Obwohl wir nur wenige Wochen in Äthiopien verbringen konnten, sind wir uns sicher, dass die gesammelten Erfahrungen und Eindrücke unser Leben bereichern und verändern, so wie die Hilfe der vielen Spender und freiwilligen Helfer die Situation von 15 Waisenmädchen in diesem Jahr verändert hat und von weiteren in den kommenden Jahren verändern wird.

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