Erfahrungsbericht: Hendrik Doobe, Felix Lung
Seit zwei Wochen sind wir nun in Addis Abeba. Eine Gesellschaft im Umbruch heißt uns hier willkommen. Westlicher Einfluss schlägt uns an jedem Kiosk und damit jeder Ecke entgegen, gleichzeitig sind Stadt und seine Bewohner tief in den Traditionen der äthiopischen Kultur verhaftet. Immer noch sind wir ganz überwältigt von der Freundlichkeit und der Offenheit der Menschen. Gleichzeitig sieht man jedoch an jeder Straßenecke, wie dringend unsere Hilfe nötig ist: Weite Teile der riesigen Stadt sind aus deutscher Perspektive ein einziger Slum. Wellblechhütten säumen die bürgersteiglosen Straßenränder selbst des Stadtzentrums. “Ferenchi, Ferenchi, money, money”-Rufe (“Ausländer, Geld”) kleiner Kinder begleiten uns auf Schritt und Tritt. Im Gegensatz dazu sind wir schon an zwei Apple-Shops vorbei gefahren. Coca-Cola ist allgegenwärtig. Umbruch also.
Die Vorbereitungen für unsere Schule – das New Life Community College, Akaki Campus – laufen währenddessen auf Hochtouren. Anfang September veranstalten wir einen Tag der offenen Tür, an dem alle interessierten Waisenmädchen sich selbst ein Bild der Schule und der Lehrkräfte machen können. Bis dahin wird die Schule fertig eingerichtet sein. Seit gestern stehen zum Beispiel alle 16 Computer in Classroom 2. In den letzten Wochen haben wir die vier Lehrkräfte unter Hunderten von Bewerbern ausgesucht. Die prekäre Arbeitsmarktsituation führt zu einem wahren Ansturm von Bewerbungen und zu Kandidaten, die teilweise um eine Anstellung “regardless of their educational background” und “for any available vacancy” bitten.
Daneben haben wir viele Waisenhäuser und Child Care Programme besucht, um unser Projekt vorzustellen. Mittlerweile erwarten wir Bewerbungen von knapp 70 interessierten jungen Frauen, aus denen wir die 15 Studentinnen des ersten Jahrgangs auswählen. Der Spagat zwischen unseren hohen akademischen Erwartungen und der Tatsache, dass die bestqualifizierten Frauen oft die Chance haben eine Universität zu besuchen, stellt sich dabei immer mehr als eine der größten Schwierigkeiten heraus. Der schwierige Hintergrund vieler Bewerberinnen hat oft tiefe Spuren hinterlassen. Ihr verborgenes Potential hervorzubringen wird unsere größte Herausforderung sein.
Vor diesem Hintergrund stellt sich auch die Entwicklung des Curriculums als spannende Aufgabe dar. Wir arbeiten zurzeit intensiv gemeinsam mit unseren Lehrkräften daran, ein exzellentes Lernumfeld zu schaffen. Der Praxisanteil der dreijährigen Ausbildung beträgt mehr als 50%. Die Studentinnen erhalten ein intensives Englisch-Training, eine der großen Schwächen der bisherigen Sekretärinnenausbildung in Äthiopien. Hierfür konnten wir einen Lehrer der Addis Ababa University gewinnen, dessen Einsatz und eigene Ideen oft richtungsweisend sind. “Secretarial Science” steht unter der Federführung unseres “Head Teachers” und seiner Assistentin, die beide langjährige Lehrerfahrung an entsprechenden Institutionen in Addis haben. Erklärtes Ziel der gesamten Mannschaft ist es, einen Lehrplan zu schaffen, der sowohl die nationalen Ausbildungsstandards beachtet und sie gleichzeitig in vielerlei Hinsicht übertrifft, als auch die besonderen Bedürfnisse unserer Studentinnen berücksichtigt.
Wie im Vorfeld schon erwartet, warten noch unzählige kleinere Aufgaben auf ihre Erledigung. So müssen noch eine Sozialarbeiterin sowie ein Motivationstrainer ausgewählt, die Unterkunft für die Studentinnen angemietet, die Küche für die Schule fertig gestellt, ein letzter Satz an Lehr ausrüstung angeschafft, die Einladungen zur Eröffnungszeremonie am 24. September verschickt und über Sicherheitsaspekte in der Schulenachgedacht werden.
Etwas fernab der täglichen Vorbereitungen für das College haben wir die Kommunikation zu zahlreichen internationalen und großen äthiopischen Unternehmen aufgenommen. Erst vorgestern konnte uns der lokale General Manager von Nokia Siemens in einem persönlichen Gespräch großen Mut machen. Wie viele andere vor ihm sagte er uns zu, einen Praktikumsplatz anbieten zu können und stellte uns eine hohe einmalige Förderung in Aussicht. Der Terminkalender der kommenden Woche lässt vor lauter Terminen mit weiteren Unternehmen schon jetzt kaum mehr Platz für neue Verabredungen. Wir sind daher frohen Mutes, dass sich das College langfristig unabhängig von westlichen Fördermitteln trägt.
Es gibt unglaublich viel zu tun und wir arbeiten fast ohne Unterbrechung. Unsere Aufgaben sind so vielfältig wie interessant. Wir sind überzeugt, einen nachhaltigen positiven Einfluss auf das Leben unserer Studentinnen nehmen zu können.




